Beweisstücke für eine nahe liegende Wirklichkeit
Die Dinge passen eben nicht immer zusammen, aber gerade aus der Idee des
Nicht-Zusammenpassens konstituiert sich weitgehend die Realität, das wirkliche Leben.
Jeff Wall
Immer wieder streift der detektivische Blick des Helden über Boden, Tisch,
Bücherregal. Genau vor seiner Nase liegt das Beweisstück. Er weiß, dass es
dort sein muss. Aber die Nähe hat es verschluckt. Der Wald verbirgt sich
hinter den Bäumen. Der Leser, Zuschauer eines Krimis ist oft besser im Bild
als der Detektiv, der das Offensichtliche nicht sieht. Nicht erkennen kann,
weil er viel zu dicht dran ist. Erst aus der Distanz schärft sich der Blick:
Der Gegenstand, der alle losen Fäden in sich zusammen zieht, kristallisiert
sich aus der Verschwommenheit, nimmt Kontur an, offenbart sich als
Fremdkörper, der aus der Umgebung hervor sticht. Der ferne Beobachter hat
das Rätsel längst gelöst, während der Held weiterhin am Naheliegenden vorbeischaut.
Auch das Alltägliche ist oft so nah, dass man sein Potenzial - das ihm
innewohnende geheime Moment der Befremdlichkeit, Überraschung, Tiefe - nicht
erkennt. Sabine Mohr, durch den Raum streifende Detektivin und ferne
Beobachterin in einem, setzt in ihren Arbeiten das Geheimnis der Dinge frei.
Holt die Gegenstände aus ihrer Unsichtbarkeit heraus, plaziert sie auf eine
Weise, dass der Betrachter nicht daran vorbei kommt. Mehr noch: unmittelbar
verfangen wird in das Netz von Bildern und Bedeutungen, das sie - in ihrer
zusätzlichen Eigenschaft als aufrüttelnde Täterin - vor seinen Augen
auslegt.
Bisweilen sind das ganz konkrete Netze, Verflechtungen, in die sie den
Betrachter einspinnt. In einer frühen Arbeit, die sie für die "Biennale des
Friedens" (René Blocks Projekt zur Woche der bildenden Kunst Hamburg 1985)
entwickelte, wurden die Umrisse ihrer Hände an der Wand zu Trägern eines
tatsächlichen Geflechts aus roten Fäden: ein Fadenspiel aus der Kindheit
umgedeutet zur plastischen Metapher für das konstruktive Zusammenwirken von
Menschen am abstrakten Phänomen "Frieden". In der Ausstellung "Umordnen"
1997 im Künstlerhaus Hamburg versetzte sie den gesamten Raum mit einem
elastischen Gitter aus Gummibändern (inspiriert wiederum vom "Gummitwist"
- Spiel aus Schultagen) in Schwingung: Die Besucher balanciertenauf den frei
schwebenden Linien, verfingen sich darin, erlebten die luftigeIllusion eines "
doppelten Bodens", der - folgt man Sabine Mohrs Bildern - ohnehin
ein Bestandteil der Wirklichkeit ist.
Als "Blickfang" im wahrsten Sinne setzte die Künstlerin 1998 in der
Artemisia Gallery, Chicago, Gitter aus Gummibändern ein. In Umkehrung der
Eisen-Vergitterung, die Geschäfte in Chicago vor Diebstahl schützt, waren
die Gummi-Gitter innen vor den Fenstern des Ausstellungsraums angebracht.
Während von außen das Licht einbrach und geometrische Muster auf den Boden
zeichnete, blieb der Betrachter beim Abmessen des Raums an der Kreuzstruktur hängen: ambivalente, durchlässige Grenze zwischen Innen und Außen, die in ihrer Manifestation paradoxerweise die eigene Aufhebung beinhaltete.
Ein wesentliches Thema, das sich durch Sabine Mohrs künstlerisches Schaffen
hindurch zieht, ist die "Verbindung" scheinbar divergenter Elemente. Dazu
gehört eben auch die Vermittlung zwischen dem Nahen und dem Fernen. Einmal
geschieht dies durch die Konkretisierung (das "Dingfestmachen") des
Abstrakten (Fernen). Zum anderen eben durch das Entrücken des Konkreten vom
gewohnten (verschleiernden, weil zu "nahen") Umfeld an einen anderen Ort, wo es erstaunliche Gestalt gewinnt. Dass die Künstlerin dabei zu ganz einfachen Mitteln und Materialien - sie würde sagen: den einfachsten - greift, hat System. Ähnlich wie der kanadische Fotograf Jeff Wall schöpft sie aus dem Rätsel des Alltags ihre Motive. Lässt die kleinen Irritationsmomente, das(im Freudschen Sinne) "Unheimliche", das sich aus der winzigen Verschiebung des Gewohnten ergibt, aufleuchten. Tastet, wie sie selbst sagt, einen Raum,eine Situation, nach den Dingen ab, die darin enthalten, aber nicht sichtbar sind. Und deckt damit ihren poetischen Gehalt auf: Detektivin und Täterin in Personalunion.
In einem engen Raum balancieren Eier auf silbernen Löffeln. Die Löffel
stecken in der Wand, die Eier liegen höchst zerbrechlich in der flachen
Mulde der Löffel. Sabine Mohrs subtiler Ein- und Angriff anlässlich der
Hamburg-Stipendiaten-Ausstellung 1987 im Kunsthaus ließ die Besucher
sichtlich zurück schrecken. War es der Gedanke, durch die bloße körperliche
Anwesenheit das fragile Gleichgewicht zu stören? Identifizierten sich die
Betrachter womöglich mit den quasi "schutzlos" in die Luft gelegten Eiern?
Oder nahmen sie ihre sinnbildliche Kraft erst im Augenblick dieser
Konfrontation wahr und erschraken davor?
Die Wechselwirkung, die durch das Zusammentreffen des Bildes (bzw. der
Rauminstallation) und dem Betrachter erzeugt wird, ist für den Ansatz der
Künstlerin wesentlich. Der Raum, meint sie, entstehe auch durch die
Menschen, die sich darin bewegen. Deshalb sind ihre Arbeiten oft interaktiv
angelegt, teilen sich nicht nur visuell, sondern auch als physisches
Erlebnis mit. Ganz unmittelbar erfuhren dies Mitarbeiter von vier Hamburger
Firmen, die bei dem Projekt "Mundgerecht" (Kunst im öffentlichen Raum 1997)
zum Kantinentausch animiert wurden: Für eine Mittagspause waren vier
Tischgemeinschaften, die in ihrer Kantine stets gemeinsam essen, jeweils in
einer ihnen fremden Kantine zu Gast; die von ihnen selbst angefertigten
Fotodokumente ihrer Ausflüge in unbekanntes Terrain stellte die Künstlerin
unter dem Titel "Umsetzen" aus. Die Aktion gewährte den Teilnehmern eine
neue Sicht auf das Eigene durch das Abenteuer des etwas Anderen. Indem sie
ihrer gewohnten Routine in einem leicht verschobenen Kontext nach gingen,
brachen sie einerseits aus, andererseits ein in etwas Bestehendes.
Das Offenlegen der poetischen Sprengkraft im Alltäglichen durch
Transformation und Kontextverschiebung: Die Künstlerin verwandelt ein
dichtes Arrangement aus Makkaroni in ein Weizenfeld. Azurblaue
Einkaufstüten, wie sie in Mengen auf den Straßen Marseilles herum flattern - die Künstlerin arbeitete dort einige Monate im Rahmen eines
Künstleraustausches - werden zum wandfüllenden "Himmel". Im schon fast
malerisch abgestuften Blau der Tütentapete haften scheinbar plastische,
diamantförmige Gebilde: Sie bestehen ebenfalls aus dem banalen Material aus
der Welt des Konsums, das indes in der Umformulierung kaum wieder zu
erkennen ist. "La tête dans les nuages" (Der Kopf in den Wolken), so hieß
die Ausstellung, die Sabine Mohr gemeinsam mit der französischen Künstlerin
Sylvie Réno 1999 in Marseille realisierte. Hier transferierte sie gefundene,
umgedeutete Objekte aus der Außenwelt in den Innenraum einer Galerie und
erweiterte umgekehrt den Ausstellungsraum nach draußen auf die Straße.
Begriffe, die sie auf einer alten Karte zur Darstellung geographischer
Phänomene wie "Lagune", "Plateau" und so weiter entdeckt hatte, sprühte sie
als Graffiti an Häuserwände. In der Galerie hing die stark vergrößerte
Karte, die aufgrund ihrer "Ortlosigkeit" wie ein Sinnbild für den Versuch
einer Benennung und Vermessung des Fernen, Fremden schlechthin wirkte, als
riesiges Wandbild. Wie bei einem Puzzle konnte der Betrachter von der Straße her kommend die einzelnen Begriffe sammeln und angesichts des Wandbildes zum Ganzen fügen. Nun selbst zum Detektiv geworden, war er es, der die Frage im Titel der Arbeit - "Ou?!" (Wo?!) - zu beantworten hatte. Eine Frage, die ihn auf den eigenen "Ort" im Wirklichkeitsgefüge zurück warf, jenseits topographischer Festlegungen.
Der Weg vom Abstrakten zum Konkreten führt bei Sabine Mohr immer wieder
zurück in die Weite. Ob sie nun Sprechblasen aus Comics heraus löst und in
zarter Aluminiumgestalt wie Kommentare über Ausstellungsbesuchern schweben
lässt oder - wie in einer ihrer jüngeren Arbeiten - medizinische
Tropfvorrichtungen aus dem Krankenhaus zu einer mehrdeutigen Installation
ummünzt: Das Naheliegende, "Einfache" birgt immer ein Geheimnis, das auf
eine zweite, entferntere Ebene verweist. Im letzteren Fall reagierte die
Künstlerin auf die spezifische Situation in einem ehemaligen Hamburger
Kiezlokal, das vorübergehend als Ausstellungsraum genutzt wird. Vor ihrem
geistigen Auge sah sie unendliche Mengen von Alkohol und Gesprächen, die in
den Jahren, als der Ort noch eine verräucherte Spelunke war, geflossen sein mussten.
Diese in den Raum atmosphärisch eingeschriebene Wirklichkeit hat sie mit
ihrer Tropf-Installation eingefangen: Aus den schmalen Röhren, die von der
Decke wachsen, fließt nicht Milch, nicht Honig, sondern Bier, der Stoff, aus dem die ganz gewöhnlichen Träume momenthaft aufschäumen. In den kleinen, oft übersehenen Dramen und Details der Wirklichkeit erkennt Sabine Mohr, aus naher Ferne blickend, das sprechende Indiz: Zum Bild gewandelt und durch ihren Blick bewusst gemacht, offenbart es sich auch dem detektivisch umher irrenden Blick des Betrachters.
Belinda Grace Gardner