Vortrag zur Ausstellg. „(Bunt)Häuserspitze“ von Sabine Mohr u. Llaura I. Sünner
Sa., d. 8.9.2007, 16.00 Uhr, Kurdamm/Kükenbracksweg (Wilhelmsburg) im Rahmen der IBA HH
Gunnar F. Gerlach
Von Stürmen, Fluten und Rettungsversuchen
- Notizen zur Installation „Häuserspitze“ von Sabine Mohr und Llaura I. Sünner (TON-Installation)
als Metapher der künstlerischen u. politischen Gegenwart
Ich möchte, verbunden mit dem Dank für die Einladung hier zu Ihnen sprechen zu dürfen, an einen bedeutenden Denker und Gegendenker zugleich erinnern, der sich wie kaum ein anderer über das Phänomen der Räume philosophisch, kunstwissenschaftlich und surreal-psychoanalytisch fundamentale und kritische Gedanken gemacht hat: es handelt sich um den 1984 verstorbenen französischen Philosophen Michel Foucault, insbesondere hier seinen als „Andere Räume“ publizierten Vortrag vom 14.März 1967 in Paris. Leitmotivisch nehmen meine kurzen Ausführungen auf ein Gedankenbild bezug, daß wie folgt lautet:
„Es gibt gleichfalls – und das wohl in jeder Kultur, in jeder Zivilisation – wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplazierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können. Weil diese Orte ganz andere sind als alle Plätze, die sie reflektieren oder von denen sie sprechen, nenne ich sie im Gegensatz zu den Utopien die Heterotopien. Und ich glaube, daß es zwischen den Utopien und diesen anderen Plätzen, den Heterotopien, eine Art Misch- oder Mittelerfahrung gibt: den Spiegel. Der Spiegel ist nämlich eine Utopie, sofern er ein Ort ohne Ort ist. Im Spiegel sehe ich mich da, wo ich nicht bin.../...Aber der Spiegel ist auch eine Heterotopie, insofern er wirklich existiert und insofern er mich auf den Platz zurückschickt, den ich wirklich einnehme; vom Spiegel aus entdecke ich mich als abwesend auf dem Platz, wo ich bin, da ich mich dort sehe...“
Aus dieser Perspektive lassen sie mich drei gedankliche Abschnitte vortragen, die ich wie folgt gliedern möchte: 1. Der Ort und seine Geschichte 2. Die Zusammenarbeit der beiden Künstlerinnen als Synthese zweier Temperamente 3. Das Kunstwerk „Häusespitze“ und seine Bezugnahme zur geschichtlichen und realen Gegenwart. Zum Ende ein Versuch des Ausblicks auf Wilhelmsburg als Ort und Gegenort zugleich – hoffentlich...
1. Der Ort und seine Geschichte
Einige von Ihnen werden sich noch an die Schreckensbilder der großen Sturmflut von 1962 erinnern: in gewaltigen Wassermassen untergehende Häuser, verzweifelte Menschen, überforderte Helfer. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar vor 45 Jahren brach die schwerste Sturmflut seit über 100 Jahren über uns herein. Orkanböen mit Geschwindigkeiten bis zu 200 Kilometern pro Stunde und meterhohe Fluten ließen zahlreiche Deichabschnitte an der Küste, der Unterelbe und der Weser brechen. Am schlimmsten traf es Hamburg: ganze Stadtteile unter Wasser und über 60.000 Bewohner südlich der Elbe wurden Obdachlos – eine Millionenstadt ohne Strom, Gas und Wasser. Am schlimmsten traf es ausgerechnet Wilhelmsburg und Georgswerder, wo noch viele im 2. Weltkrieg Ausgebombte in provisorischen Unterkünften und Behelfsheimen mit ihrem vorherigen Schicksal haderten. Die Folge waren 318 Tote (davon 5 Helfer) und ca. 6.000 zerstörte Gebäude, zigtausende ohne Unterkunft.
Der Untergang der Titanic als reziproke Metapher der Klassengesellschaft: Arbeiter und Handwerker - vom 3.Reich auch noch ausgezehrte - nun auch noch mit wegschwimmenden Identitäten. Auflösung im Wasser, ortlos, fast aussichtslos. Opfer eines UrStoffes: im endlosen sich auflösende Geschichtlichkeit.
Inspiriert von dieser Geschichte und der besonderen Lage der Bunthäuserspitze (wo die Installation aus Gründen des Vogelschutzes nicht aufgebaut werden darf), haben die beiden Künstlerinnen einen ortstypischen Häusergiebel mit auch metaphorischer S chwere auf die Grünfläche rechts neben der Brücke Kükenbracksweg in die Restnatur eingelassen; im Giebel selbst erklingt in regelmäßigen Abständen ein Nebelhorn als Alarm-, Warn- und Wachheits-Signal. Als Vorbild dieser realistischen Erfindung diente eines der denkwürdigen Fotografien, das ein überflutetes Haus in Wilhelmsburg während der Sturmflut zeigt. Sie erkennen es auf der Einladungskarte. Die Künstlerinnen, Sabine Mohr und Llaura I. Sünner, die hier nach einem gemeinsamen Intermezzo in der ebenfalls bau-politisch zurecht umstrittenen HafenCity erneut zusammenarbeiten, sagen selbst: „Als solches zitiert unsere Installation in mehrfacher Hinsicht das Gegensatzpaar Land – Wasser, Haus und Boot und erinnert gleichzeitig an die dauernde, potentielle Gefährdung des Elbinselgebietes durch das Wasser.“ Zu fragen wäre, ob es neben der Natur-Bedrohung auch und gerade in jüngster Zeit zunehmend Kultur-Drohungen und Bedrohungen seitens mit dem Senat verbundener, Kapitalentwickler gibt, die der künslerisch-kulturtellen Arbeit vor Ort kapitalzweckgebunden bedürfen: Belebungen der toten Materie suggerieren, die das Investitionskapital erst in den lebendigen Fluß und Strom bringen können. Drohen hier neue Flutkatastrophen aus dem Bewußtsein entfremdeter Abstraktion und Selbststilisierung ? Zumindest ist festzustellen, daß die künstlerischen Eingriffe in urbane Entwicklungen als pseudo-unterhaltsame Abweichungsheterotopien eingekauft werden können: das eigentlich Auszugrenzende wird als Belebungsfaktor zu günstigen Preisen auf Grund der Geldnot von vielen Künstlern kurzfristig integriert, um den geschaffenen Ort dann durch erhöhte Preise zu entziehen: Entzugsorte mit Selektionskompetenz. Vor diesem Hintergrund wird die Arbeit der Künstlerinnen hier auch zu einem Nach- und Vordenk-Mahnmal mit realistischem Manifest.
2. Die Künstlerinnen als Synthese zweier Temperamente
Da beide Künstlerinnen über die Grenzen Hamburgs hinaus, aber gerade auch hier zurecht wertgeschätzt und bekannt sind, verzichte ich auf Zahlenreihungen und Aufzählungen ihrer Arbeiten. Mein Anliegen ist vielmehr zu fragen, warum die Zusammenarbeit beider Künstlerinnen so spannungsreich und zielsicher sein kann – und versuche ein Verständnisangebot zu liefern: Sabine Mohr reist stetig in einem Spurensicherungsfeld zwischen scheinbar Alltäglichem in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dabei stellt sie als genaue Beobachterin und exakte Handwerkerin – kein Wunder, wenn der künstlerische Lehrer KP Brehmer hieß – kritische Analysen an. Diese wiederum haben stetig den Zug zum utopischen, zur Möglichkeit: dass das, was ist, nicht alles ist, und neue Vorstellungen und Orte nur noch keinen Ort haben, aber mit gemeinschaftlicher Anstrengung doch Topos werden könnten. Die große Keramikfliesenwand am Sternschanzenbahnhof aus dem Jahre 2003 gibt davon beredt Auskunft: Utopie muß möglich sein und ist möglich. Um mit Ernst Bloch zu sprechen: sie hat nur “noch” keinen Ort.
Llaura I. Sünner ist unübersehbar am fließenden orientiert: selbst das durch andere Künstler ikonografische stark besetzte Material Filz bringt sie in einen neuen Strom. Dies zumeist mit zunächst höchst humorvoll wirkenden Installationen, die ganz gegen den gebräuchlichen Sinn von Wahrnehmung und Sprache die Dinge ins labile verqueren oder umdrehen: das gesellschaftlich geächtete, das „unsichere, schwankende, leicht aus dem Gleichgewicht zu bringende“ wird bei ihr aber auch zur tragischen Kommödie unseres wirklichen, unsicheren Daseins. Und damit nicht genug, wird mit dieser Infragestellung unseres Umgangs mit ästhetischen und erkenntnistheoretischen Urteilen parallel ein Gegenort zugleich gebaut: nicht Romeo und Julias Liebe scheitert an sich selbst, sondern der Balkon war einfach zu fließend, zu weich... Absturz.
Insofern erscheint mir die Ko-Operation beider Künstlerinnen in einem subjektiven, wie auch objektiven Sinne als logisch: Utopie und Heterotopie, Ort und Gegenort zugleich, gespannt wie ein Seil der Sehnsucht und Hoffnung über die Abgründe der Realität, den erdrückenden Raum und die Erosionen unseres eigenen Lebens...
3. Das Kunstwerk und seine historischen und politischen Bezugspunkte
Die Installation „Häuserspitze“ ist reale Reflexion der Geschichte des Ortes und seiner Bedrohungen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der Negation wird sie zur Untergangsmetapher, ist auch ein Hinweis auf die sozialspezifische Situation vor Ort und die bauliche und politische Zukunft. Mit Theodore Gericaults „Floß der Medusa“ nicht nur äußerlich vergleichbar, wird hier Geschichte und Zukunft wieder tragisch und verweist auf einen Begriff der Situationisten: die Rekuperation - die Erwärmung der Luft in Verbrennungsanlagen durch heiße Abgase. So funktionieren u.a. Umkehrstrategien der Wirtschaft: aus kritischen Gedanken und Gestaltungen kommerziell verwertbare Waren zu machen. Werden so und auch hier tatsächliche Talente verbrannt zur Generierung artfremden Kapitals?
Als Position markiert die vor uns liegende Arbeit einen schönen Gegenort für die Zukunft von einigen von uns: der Auszug auf Me(e)hr und Se(e)h-Erfahrung mit dem Einzug auf das Hausboot verbinden. Das hieße dann, auf zu neuen Ufern auf dem schwankenden Grund des Daseins. Wer Selbstironie mit Ironie zu verbinden vermag, wird damit im Sturm gut fahren auf Fluten und Strömen.
Mit den Gedichtzeilen von Arthur Rimbaud („Das Trunkene Schiff“) hätte man da einen helfenden Rettungsring mit Nebelhorn im Kopf:
„Wenn in Europa ich ein Wasser noch begehre,// ist es das kalte, schwarze Loch, in das hinein//ein Kind, in der Dämmerung, gebückt, voll Leid und Schwere,//ein Schifflein setzt, zart, wie ein Schmetterling im Mai'n.“ Wird Zeit loszusegeln.
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