Beweis dessen, dass auch kindische Mittel zur Rettung dienen können... (Das Schweigen der Sirenen)

von Franz Kafka ist uns eine Geschichte übermittelt, die einen Versuch, genauer einen Beweis unternimmt. Kein üblicher Beweis, der mit Indizien, Sachverhalten oder mit rational nachzuvollziehenden Argumenten verfährt. Stattdessen legt uns Kafka einen Beweis vor, der mit Scheinlogik operiert. Sein Modus klingt logisch, nur sein Sachverhalt ist es nicht. Dennoch beharrt Kafka auf dem Wort Beweis. Und er sagt auch warum, gleich zu Anfang seiner Geschichte, die wie alle mit einem Titel beginnen. Und dieser lautet: “Beweis dessen, dass auch unzulängliche, ja kindische Mittel zur Rettung dienen können.”

Die Geschichte selbst ist im übrigen bekannt. Kafka hat sich der griechischen Mytholgie bedient und wurde im Heldenepos des Odysseus fündig. Dabei wählte er jene bekannte Stelle aus, die bis heute eine seiner prominentesten Erzählungen ist: die Episode der verhinderten Versuchung, das Moment, da sich Odysseus an den Mast seines Schiffes fesseln läßt, um den Gesang der Sirenen zu lauschen. Kafka erzählt genau jene Stelle noch einmal, legt uns als Leser aber schon zu Beginn fast unbemerkt einen kleinen Stolperstein in den Weg. “Um sich vor den Sirenen zu bewahren”, beginnt Kafka seine Erzählung, “stopfte sich Odysseus Wachs in die Ohren und liess sich am Mast festschmieden.” Schon hier also die erste und essentielle Abweichung vom Text. Denn wie wir von Homer wissen, war es nicht Odysseus, der sich Wachs in die Ohren stopfte. Sondern seine Mannschaft. Odysseus frei nach Kafka konnte somit gar nicht hören, was die Sirenen von sich gaben, gleichwohl er beteuert, dass der Gesang der Sirenen auch Wachs durchdringt. Doch soweit kommt es gar nicht. Denn die Sirenen schweigen. Sie singen nicht. Und auch Odysseus ist wie abwesend. Statt in innerer Erregung dem großen Konzert entgegenzufiebern, hat er nichts anderes, wie uns Kafka beteuert, als “Wachs und Ketten” im Sinn. Es ist, als ob beiden Seiten überhaupt nicht am Zustandekommen des eigentlichen Ereignisses interessiert sind. Doch immerhin, so berichtet Kafka weiter, bildet sich Odysseus ein, die Sirenen gehört zu haben. Seine Fantasie stellt sozusagen eine Wunschrealität her. Aber auch die wird am Ende der Erzählung erneut in Frage gestellt. “Odysseus”, spekuliert der Autor, hat vielleicht, “obwohl das mit Menschenverstand nicht mehr zu begreifen ist, wirklich gemerkt, dass die Sirenen schwiegen und hat ihnen und den Göttern den obigen Scheinvorgang nur gewissermassen als Schild entgegengehalten.”

Was nun diese Erzählung Kafkas mit der Installation von Sabine Mohr und Wolfgang Feindt zu tun hat, ist mehr als naheliegend: Denn Sie als Publikum des heutigen Abends stehen mitten drin. Mitten drin im Text und Kontext dieser kleinen Groteske und aberwitzigen Geschichte. Sabine Mohr und Wolfgang Feindt haben sie nicht nur räumlich, sondern auch sinnlich in mehrere Ebenen arrangiert. Als Schriftform mittels Sätzen und Worten durchläuft sie in Teilen diese Installation. Als bewegtes Bild in Form von Gebärdensprache sehen wir weitere Teile von ihr auf Video erzählt. Und als gesprochenes Wort hören wir sie zu anderen Teilen aus den aufgestellten Lautsprechern. Wir können die Geschichte damit rekonstruieren, sie archäologisch wiederfinden, wenn wir den Spuren nachgehen, und aus den sinnlich unterschiedlich erfahrbaren Fragmenten das Ganze herauslesen. Aber ist die Rekonstruktion wirklich der investierten Mühe wert? Ginge es uns vielleicht nicht ebenso wie Kafka und wir hielten am Ende ein Rätsel ohne Lösung, eine kryptische Spekulation ohne tieferen Sinn in der Hand?

In der Tat steht in der aktuellen Installation nicht die Rekonstruktion der Odyssee-Episode zur Debatte, weder der historischen, noch der frei nach Kafka erfundenen. Sabine Mohr und Wolfgang Feindt unternehmen statt ihrer den Versuch einen literarischen Kontext in einen räumlichen Kontext zu verwandeln, die unterschiedlichen Erfahrungen von Nähe und Ferne in einen konkreten und gegenwärtigen Raum zu implantieren. Dabei mag ihr der Zufall in die Hände gespielt haben, dass sie auf der Suche nach einem geeigneten Text bei einem Heldenepos gelandet ist. Denn nichts eignet sich besser als ein solches zur Darstellung von Distanz und Nähe. Heldenepen sind per se klassische Reiseberichte. Seit Menschengedenken handeln sie von Ferne und Nähe, von Abschied und Ankunft, von Sinnestäuschung, Versuchung und ihrem Widerstehen. Deshalb bezeugen Heldenepen nicht nur geografische Reisen, die Zeit der Abfahrt und der Wiederkehr. Heldenepen erzählen darüber hinaus immer und vielleicht sogar an erster Stelle von einer Reise ins Innen, wo der Held mit sich selbst, seinem sinnlichen Apparat kämpft, der vor ihm wie ein Trugbild auftaucht, das er niederreißt und zu Boden zwingt. Franz Kafka, so scheint mir, hat aus dieser sinnlichen Versuchungsszene des klassischen Odysseus eine zweite, auf seine Jetzt-Zeit gemünzte Erzählung gemacht. Die Versuchung des Kafka-Odysseus liegt im Befolgen der göttlichen Vorhersehung und Ratschläge, im positiven Dialog mit den Göttern und Halbgöttern, mit den magischen und seherischen Wesen, mit denen der klassische Odysseus kommunizierte. Kafkas Odysseus aber verspottet durch sein Tun die große Autorität der Götter. Auch er ist in das Spiel von Nähe und Ferne verstrickt, suggeriert Nähe dort, wo er innerlich abwesend ist, und täuscht Abwesenheit dort vor, wo er um sich herum alles wahrnimmt. Nähe und Distanz, die Bewegungen von kommen und gehen, die Ortsbindungen von bleiben und angebundensein, verstrickt er in widersprüchliche und sich widersprechende Phänomene. Das Koordinatensystem von Oben und Unten, Rechts und Links, Vor und Hinter, die Logik einer ehrwürdigen Trennung von Hier und Dort wird solcherart gebrochen und in eine vielschichtige Komplexität aufgelöst. Sabine Mohr und Wolfgang Feindt so scheint mir, haben genau diese Herausforderung des Kafka-Urtextes angenommen. Ihre Installation läßt die erzählte Zeit und den darin mitgeteilten Raum mäandern, sich in Schleifen wiederholen und in unterschiedliche Sinneseindrücke aufteilen.

Wolf Jahn