Häuserspitze, Installation auf der Grünfläche im Mengepark Hamburg - Wilhelmsburg, KiöR 2007

Haus 1

Von Stürmen, Fluten und Rettungsversuchen

 

Auszüge aus der Eröffnungsrede von Prof. Gunnar F. Gerlach

Einige von Ihnen werden sich noch an die Schreckensbilder der großen Sturmflut von 1962 erinnern: in gewaltigen Wassermassen untergehende Häuser, verzweifelte Menschen, überforderte Helfer. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar vor 45 Jahren brach die schwerste Sturmflut seit über 100 Jahren über uns herein. Orkanböen mit Geschwindigkeiten bis zu 200 Kilometern pro Stunde und meterhohe Fluten ließen zahlreiche Deichabschnitte an der Küste, der Unterelbe und der Weser brechen. Am schlimmsten traf es Hamburg: ganze Stadtteile unter Wasser und über 60.000 Bewohner südlich der Elbe wurden Obdachlos – eine Millionenstadt ohne Strom, Gas und Wasser. Am schlimmsten traf es ausgerechnet Wilhelmsburg und Georgswerder, wo noch viele im 2. Weltkrieg Ausgebombte in provisorischen Unterkünften und Behelfsheimen mit ihrem vorherigen Schicksal haderten. Die Folge waren 318 Tote (davon 5 Helfer) und ca. 6.000 zerstörte Gebäude, zigtausende ohne Unterkunft.
Der Untergang der Titanic als reziproke Metapher der Klassengesellschaft: Arbeiter und Handwerker – vom 3.Reich auch noch ausgezehrte – nun auch noch mit wegschwimmenden Identitäten. Auflösung im Wasser, ortlos, fast aussichtslos. Opfer eines UrStoffes: im endlosen sich auflösende Geschichtlichkeit.

Inspiriert von dieser Geschichte und der besonderen Lage der Bunthäuserspitze (wo die Installation aus Gründen des Vogelschutzes nicht aufgebaut werden darf), haben die beiden Künstlerinnen einen ortstypischen Häusergiebel mit auch metaphorischer S chwere auf die Grünfläche rechts neben der Brücke Kükenbracksweg in die Restnatur eingelassen; im Giebel selbst erklingt in regelmäßigen Abständen ein Nebelhorn als Alarm-, Warn- und Wachheits-Signal. Als Vorbild dieser realistischen Erfindung diente eines der denkwürdigen Fotografien, das ein überflutetes Haus in Wilhelmsburg während der Sturmflut zeigt. Sie erkennen es auf der Einladungskarte. Die Künstlerinnen, Sabine Mohr und Llaura I. Sünner, die hier nach einem gemeinsamen Intermezzo in der ebenfalls bau-politisch zurecht umstrittenen HafenCity erneut zusammenarbeiten, sagen selbst: „Als solches zitiert unsere Installation in mehrfacher Hinsicht das Gegensatzpaar Land – Wasser, Haus und Boot und erinnert gleichzeitig an die dauernde, potentielle Gefährdung des Elbinselgebietes durch das Wasser.“ Zu fragen wäre, ob es neben der Natur-Bedrohung auch und gerade in jüngster Zeit zunehmend Kultur-Drohungen und Bedrohungen seitens mit dem Senat verbundener, Kapitalentwickler gibt, die der künslerisch-kulturtellen Arbeit vor Ort kapitalzweckgebunden bedürfen: Belebungen der toten Materie suggerieren, die das Investitionskapital erst in den lebendigen Fluß und Strom bringen können. Drohen hier neue Flutkatastrophen aus dem Bewußtsein entfremdeter Abstraktion und Selbststilisierung ? Zumindest ist festzustellen, daß die künstlerischen Eingriffe in urbane Entwicklungen als pseudo-unterhaltsame Abweichungsheterotopien eingekauft werden können: das eigentlich Auszugrenzende wird als Belebungsfaktor zu günstigen Preisen auf Grund der Geldnot von vielen Künstlern kurzfristig integriert, um den geschaffenen Ort dann durch erhöhte Preise zu entziehen: Entzugsorte mit Selektionskompetenz. Vor diesem Hintergrund wird die Arbeit der Künstlerinnen hier auch zu einem Nach- und Vordenk-Mahnmal mit realistischem Manifest.