Utopia und das Festland, Ausstellung in der Freien Akademie der Künste Hamburg 2019

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Text zu Utopia und das Festland von Dr. Belinda Grace Gardner

Dr. Belinda Grace Gardner, Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Sabine Mohr. Utopia und das Festland“ am 16.9.2019, Akademie der Künste, Hamburg 

In seinem gleichnamigen Buch von 1516 stellt Thomas Morus den Inselstaat „Utopia“ als abseitigen Schauplatz eines gelungenen sozialen Experiments vor, über den ein angeblich dort zeitweilig ansässig gewesener Seemann eindrücklich berichtet. Der humanistische Renaissance-Autor und Staatsmann aus London siedelt jenes gesellschaftliche Gebilde von Anfang an in einer doppelten Fiktion zwischen so benanntem Nicht-Ort und Möglichkeitsraum an. Also im Spannungsgebiet zwischen unerfüllbarem Ideal und verheißungsvoller Zukunftsvision, die zumindest in Gedanken Fuß fassen kann und die Phantasie zu entzünden vermag.

Ob Morus selbst letztlich an das Gelingen seines Modells einer gerechten, auf demokratischen Grundsätzen basierenden Gesellschaft glaubte, ist nicht gewiss. Fest steht indes, dass er damit die massiven sozialen Missstände seiner Zeit in Europa und spezifisch in England anprangern wollte. Und dass er hoffte, die Imaginationsfähigkeit seiner Zeitgenossen anzuregen, sich eine bessere Welt vorzustellen, in der die Abschaffung von Eigentum und die grundsätzliche Zugänglichkeit von Wissen für Alle die Standesunterschiede aufheben würde. Trotz inhaltlicher Brüche – Morus verfasste seine Schrift in der Ära des sich ausbreitenden Seehandels und der frühkolonialen Entdeckungsreisen – ist „Utopia“ zum anhaltenden Inbegriff für die Hoffnung auf das Erlangen ersehnter Gesellschaftsideale geworden. Wenn diese auch im Sinne eines vom „Festland“ abgespaltenen insularen Paradieses in der Regel nur in weiter Ferne von bestehenden Wirklichkeiten Gestalt anzunehmen vermögen.

Wenn Sabine Mohr ihre jetzige Ausstellung der Bilder und mehrdimensionalen Gestaltungen „Utopia und das Festland“ nennt, stellt sie diese Abspaltung des einen vom anderen auf mehreren Ebenen in Frage. Anders ausgedrückt, macht sie sichtbar, dass unsere Visionen für eine bessere Welt nicht außerhalb der Realität, in der wir leben, zu suchen sind – oder zu verorten sein sollten. Sondern dass unsere Utopien integrale Bestandteile unseres Daseins sind, die es genau hier und jetzt zu verwirklichen gilt. Vor allem aber öffnet Sabine Mohr den Blick dafür, dass wir alle Teil eines gemeinsamen Systems sind, in dem das eine ohne das andere nicht sein kann. Frieden auf der Insel befreit das Festland nicht vom Krieg. Gerechtigkeit im Garten Eden sorgt nicht für ein Ende der Ausbeutung an anderer Stelle. Und wenn der Klimawandel die Erde endgültig aus dem Lot bringt, gibt es keine Enklave der Glückseligen mehr, die davon verschont bleiben wird. Die Energien, die unseren Planeten im kosmischen Gefüge am Rotieren halten, sind eben nicht isoliert zu betrachten. Nur im Zusammenspiel, in einer gegenseitigen Balance, gewährleisten sie unser Überdauern.

Dieses Ineinandergreifen und Zusammenwirken innerhalb eines ausgedehnten Systems der Micro- und Makrokosmen bildet den inhärent wandelbaren Nukleus nicht nur in dieser Schau, sondern im vielgestaltigen Werk von Sabine Mohr grundsätzlich, das Malerei und Zeichnung, Druckverfahren, Skulpturen, kinetische Objekte, raumfüllende Installationen, Bücher, Cut-outs und vieles mehr umfasst. Die Perspektive der Künstlerin, die an der Hamburger Hochschule für bildende Künste bei KP Bremer, Dietrich Helms und Peter Raacke studierte und als langjährige Akteurin des Künstlerhauses Hamburg lokal ebenso wie international vernetzt ist, geht vom Atomaren, Molekularen, Unmittelbaren aus in unendliche Weiten. Ihr künstlerischer Ansatz ist forschend und unterfüttert von naturwissenschaftlich-kulturphilosophischen Vertiefungen. Er ist dem Mehrwert der Wandelbarkeit und der Multikodierung verpflichtet, die aus ästhetischen Übersetzungsprozessen erwachsen.

Der südafrikanische Künstler William Kentridge begibt sich mit einer okularen Kaffeetasse und einer fliegenden Espressokanne auf Mondfahrt. Sabine Mohr entfaltet das Universum buchstäblich in filigranen Schichtungen und Auswölbungen aus Papier. Sie gießt es ein in einer gipsernen Scheibe, die den ausgedehnten Sternenhimmel im imaginären Raum des Bildes vor Augen führt. Oder sie fängt es im feinmaschigen Kunststoffnetz ein, in der schlichte Metallkugeln die Planeten geben. Die kosmische Motivik, die sich durch die weitgehend neu entstandenen Exponate der jetzigen Ausstellung ebenso wie durch Arbeiten der Künstlerin aus jüngerer Zeit hindurchzieht, findet eine „irdische“ Entsprechung in den zartgliedrigen Verflechtungen und Strukturen von Bildwerken, die an topografische Vermessungen und Kartierungen des Globus denken lassen, zugleich aber auch auf die Darstellung von unsichtbaren Kräften, Energiewellen, Magnetfeldern, fluktuierenden Gravitationen und anderen intrikaten Verläufen verweisen.

Inseln changieren dabei zwischen grünblauen Landschaften und Querschnitten geheimnisvollen Gesteins; ein Planet gibt sich als Urknall oder als Auge zu erkennen, das auf unsere Gegenwart blickt wie der Engel der Geschichte. Die zwischen Präzision und Auflösung oszillierenden Bildgebungen führen dabei immer auch die Unmöglichkeit der Repräsentation des Nichtgreifbaren und Nichtfixierbaren vor Augen. Jede Karte, jede Systematisierung oder Schematisierung ist eine Momentaufnahme, eine Fiktion, ein Versuch, etwas, das ständig in Bewegung, im Werden oder in Auflösung begriffen ist, dingfest und so begreifbar zu machen. Alle Festschreibungen sind lediglich Modelle dessen, was sich der Sichtbarkeit entzieht und uns sonst unvorstellbar bliebe. Sabine Mohr enttarnt in ihren Arbeiten die Konstruktion und setzt simultan deren bildstiftende Kräfte frei. Die Erkenntnis führt durchs wahrnehmende Auge ins Bewusstsein. Schönheit und potenzieller Schrecken liegen nahe beieinander in ihrem abstrakt-figurativen Feld der Grenzüberschreitungen, in dem die Fäden zwischen „Utopia“ und „Festland“ auch buchstäblich verlaufen.

Es ist ein Terrain der feinsten wie prekärsten Balancen, die durch leichte Verschiebungen aus dem Gleichgewicht geraten können und in diesem Moment bereits aus dem Ruder laufen, wie die Künstlerin in ihrem Ensemble der kosmisch-weltlichen Interdependenzen andeutet.

Wetterbericht: Die Zeichen stehen auf längst auf Sturm. Hitzerekorde häufen sich, der Alarmstufenverlauf ist in Rotskalierungen ablesbar. Sabine Mohr hat eine Farbstreifenstabelle zur Visualisierung der fortschreitenden Klimaerwärmung des britischen Forschers Ed Hawkins vom Meteorologischen Institut der Universität Reading in einen Vorhang der trügerisch heiteren bunten Bänder übersetzt. Das Thema ist ein Leitmotiv ihrer Hamburger Ausstellung. Das Überschreiten der Schwelle geschieht auf eigene Gefahr, allemal im wirklichen Leben unserer Zeit. Die Farbskala repräsentiert hier die Durchschnittstemperaturen in Deutschland von 1881 bis 2018. Der Grenzwert liegt zwischen Rot und Blau. Sabine Mohr hat ihrer Installation den Titel: „This is Reality not Art“ gegeben. Ein klarer Hinweis darauf, dass das anmutige Farbspiel höchst akute Gefahr signalisiert, die ein sofortiges Umdenken erfordert, wenn wir als Menschheit die ultimative Katastrophe verhindern und unsere Erde vor dem Untergang retten wollen.

Sabine Mohrs Reise zu den Sternen und zu den feinstofflichen „Unterströmungen“, „Magnetischen Feldern“ und „Isodynamiken“ – so einige Titel ihrer Arbeiten in der aktuellen Schau – unseres Welt-Raum-Systems führt uns das Wunder der Rhythmen und Energien vor Augen, die jegliche Existenz durchwirken. Dieses Wunder – eigentlich an ganzes Paket an Wundern – das die Künstlerin durchweg im weiten Atem ihrer künstlerischen Arbeit evoziert, und um das in gewisser Weise ihr gesamtes Werk kreist, wird dabei auch in seiner Gefährdung greifbar. Denn die wissenschaftlichen Erkenntnisse, mit denen wir All und Erde durchmessen, warnen uns nun vor dem hemmungslosen Fortschritt, deren Weg diese Erkenntnisse einst selbst bereitet haben.

Die besondere künstlerische Magie von Sabine Mohr besteht darin, höchst komplexe Zusammenhänge auf deren Essenz hin zu komprimieren und dieser mit spielerischer Leichtigkeit und einfachsten Mitteln Gestalt zu geben. Oft greift die Künstlerin zu Fundstücken aus dem Alltag, Haushaltsgegenständen oder beiläufigen Materialien, wie hier das schwebende Netzgeflecht manifestiert, aus dem ein ganzes Universum entsteht, oder die Klimastreifen aus bunten Bändern. Als aufgeladene Readymades sind zwei durchsichtige Polizeischilde im Eingangsbereich samt dunkler Visiere platziert. Sie sind Hinterlassenschaften einer Klima-Demonstration, die Sabine Mohr am Straßenrand entdeckte. Als minimalistische, gleichwohl beredte Mahnungen flankieren sie den Klima-Vorhang, von dem bereits die Rede war. Ob ökonomisch gesteuerte Machtpolitik oder die diese verteidigende Polizeigewalt: Sie dürfen nicht das letzte Wort haben, wenn es um den Fortbestand unseres Planeten geht. Doch um diesen zu retten sind real existierende Utopien gefragt.

Sabine Mohr hat eine ganze Serie von „Inseln“ geschaffen, die den Titel „Island State of Mind“ tragen. Sie folgen dem Umriss von Mangaia, einer Insel der Gruppe der Cook Islands im Südpazifik, einem persönlichen Sehnsuchtsort der Künstlerin, den sie bislang nur in Gedanken bereist hat. „Island State of Mind“ impliziert die visionäre mentale Verfassung, die der utopische, sozial gerechte Inselstaat von Thomas Morus ideell verkörperte. Diese geistige Verfassung ruft Ideen auf den Plan, die den nahenden Untergang der Erde, wie wir sie kennen, entgegentreten. Darin steckt aber auch die Aufforderung, die Gedanken nicht insular auf das eigene kleine Terrain zu verengen, sondern sie jenseits des Eigenen auf das große, kollektive Bild zu richten.

Sabine Mohr begibt sich als Künstlerin in die Rolle der Visionärin – sie wohl würde sagen, dass diese Aufgabe von allen Kunstschaffenden übernommen wird, die mit wachem Blick durch die Welt gehen. Sie stellt den Ungleichgewichten und den daraus resultierenden Bedrohungen, die man ohne Übertreibung als akute Lebensgefahren bezeichnen kann, das Wunder der Welten-Räume gegenüber, die von den vielfältigen Arealen unserer Erde bis zur kosmischen Unendlichkeit reichen. „Utopia und Festland“: Die Verbindungen zwischen Vision und Wirklichkeit, dem Beweglichen und dem Statischen, dem Zukünftigen und dem Gegenwärtigen, dürfen nicht abreißen. Dafür tritt Sabine Mohr mit ihrer Kunst ein. Dafür müssen wir alle mit geballter Wucht eintreten, bevor es dafür zu spät ist.

©Belinda Grace Gardner, Hamburg 2019.